Die Geldbeziehung. Zur Geschichte der Temporalherrschaftvon Wolfgang Kaempfer
Wir pflegen zwischen Vergangenheit und Zukunft eine scharfe Zäsur anzunehmen und bezeichnen sie als Gegenwart. Das ist eine Täuschung. Die wandernde aleatorische Zäsur ist weder gleich der Gegenwart, noch trennt sie die beiden realen temporalen Dimensionen. Sie unterscheidet lediglich die Kategorien „Vergangenheit” und „Zukunft” voneinander, ohne daß uns das zu Bewusstsein kommt.
Die Täuschung hat allerdings Methode. Sie beruht nämlich auf einer Verstümmelung (Amputation) des realiter Vergangenen und realiter Künftigen zugunsten ihrer abstrakten Kategorisierung (unter den Namen (Nomina) „Vergangenheit” und „Zukunft”). Der wahre Zeitverlauf ähnelt eher einem ausdehnten „Zeitfeld”, wie Edmund Husserl formulierte. Er bildet etwas wie einen komplexen, dreidimensionalen „corpus temporale”, dessen Grenzen fließend sind und sich beständig verschieben, ein Fließgleichgewicht aus „vergangenen” und „künftigen” – oder wie Husserl formulierte: retenierten und protenierten – Partikeln oder Elementen bildend, von denen keines jemals gleich bleibt. Auch das „retenierte Bruchstück”, wenn es ein zweites (oder drittes) Mal wiederauftaucht, ist nicht mehr das gleiche.
Insofern dieses eigenartige Übergangsfeld, dieser „corpus temporale” nun aber höchstwahrscheinlich die Basis, die „Struktur” darstellt, die allen Wachstums- und Alterungsprozessen zugrunde liegt, aller „lebenden Materie”, allen „Lebewesen” (oder auch ihren Vergesellschaftungspraktiken, ihrer sozialgeschichtlichen Entwicklung), müssen sich alle „Eingriffe” in ihre Verlaufsform, ihren fließend-temporalen „Körper” wie chirurgische Schnitte ausnehmen und auswirken, die von einem bestimmten Punkt an, einem „ point of no return, auch tödlich verlaufen können oder müssen.
Wie wir gesehen haben, hatte der sich beständig beschleunigende und verdichtende Verkehr allmählich zu einem eigenen „Zeitregime” führen müssen. Zu den „Programmpunkten” der Aufklärungsphilosophie, die diesen Prozeß begleitete, gehörte nicht zufällig die Forderung, sich von aller Tradition, Vergangenheit, „Geschichte” usw. tunlichst zu befreien. Undurchschaut blieb, daß die „Bewegungsbegriffe”, mit denen sie zumeist operierte, in Wahrheit nicht die Bewegung der Geschichte („Geschichtszeit”), sondern die Bewegung der Verkehrszeit abbildeten bzw. simulierten. Sie standen ja als solche fest. Ähnlich dem „Verkehrsnetz”, das der neuzeitlich-moderne Verkehr erfordert hatte, bildeten sie ein festes Wege- oder Schienennetz.
Was wir unter dem harmlosen Namen „Verkehrszeit” kennen gelernt haben, das war in Wahrheit längst dabei, flächendeckend zu werden. Und berücksichtigen wir nun, daß das neue Zeitregime aus der klassischen Mechanik bezogen worden war – anders hätte es seine moderne Exaktheit und Zuverlässigkeit nicht erreichen können – so erhellt, daß es im Laufe seiner schrittweisen „Befreiung” (Entfesselung) ein eigenes Instrumentarium entwickelt haben mußte für die erforderlichen „Eingriffe” in den heiklen Leib, auf den sich das Leben angewiesen sieht als seine ihm zugrunde liegende „Struktur”. So wie sich die lebenszeitlichen Prozesse einer Art Stromdelta vergleichen lassen würden, das sich beständig ändert, so die verkehrszeitlichen Prozesse einer Art Kanalsystem, dessen wesentliche Bestimmung gerade umgekehrt in der „Festigkeit” (Unveränderlichkeit) besteht.
Der fragile und verletzliche corpus temporalis der lebenszeitlichen Prozesse wurde in eine Art Prokustusbett gezwängt, das seine sukzessive Verstümmelung verlangte. Wir kennen das hierzu erforderliche Instrumentarium bereits. Es sind die eigentümlichen Sonden, die die Zeit zerteilen (zerschneiden) können in drei scheinbar unabhängige Bestandsstücke: „Vergangenheit”, „Zukunft” und die aleatorische Grenze, an der Vergangenheit und Zukunft „zusammenstoßen” können. Dieser „Eingriff” in den „Leib der Zeit” konnte vor allem deshalb unauffällig bleiben, weil er gleichbedeutend (gleichursprünglich) mit dem „Ersatz” der amputierten Glieder – Vergangenes/Künftiges/die lebendige Vermittlung auf dem „Zeitfeld – ablaufen konnte. Dem neuen und neutralen „Zeitleib” war schlechterdings nicht anzusehen, daß er aus Prothesen bestand. Bis heute halten wir die abstrakten Elaborate „Vergangenheit”, „Zukunft”, „Gegenwart” für die realen „Vertreter der Zeit”. Sie sind aber allenfalls die von einem unauffälligen Expertengremium gewählten Vertreter.