Zivilisation
von Wolfgang Kaempfer
Fast vergessen ist heute die alte Kontroverse über Kultur und Zivilisation, die Thomas Mann in den frühen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mit seinem Bruder Heinrich ausfocht. Sie gewann weit über diesen Streit hinaus Bedeutung, lud zu den unterschiedlichsten Parteinahmen ein und stachelte zu immer wieder neuen Varianten einer Differenzierung an, die sich - zumindest ihrer etymologischen Herkunft nach - streng genommen nur für den deutschen Sprachraum treffen läßt. Allenfalls verraten gewisse Adjektivformen, etwa „cultivé" im Französischen oder „colto" im Italienischen, daß der Unterschied auch den lateinischen Sprachen nicht ganz fremd ist. „Civilisé" bedeutet natürlich nicht dasselbe wie „cultivé", und „molto colto" kann im Italienischen einen Bildungsgrad bezeichnen, der alle „Zivilität" weit hinter sich läßt.
Einen Unterschied haben die beiden gesellschaftlichen Standards, so scheint es, allerdings gemeinsam: den zur Barbarei. Aber dieses alte Deckwort für alles, was den antiken Griechen als fremd galt, als „nicht-griechisch", ist, obgleich aus demselben Grunde hochaktuell geblieben, in Wahrheit selbst Bestandteil, Element, Ingrediens von „Zivilität" und/oder „Kultiviertheit". In dieser Beziehung fällt die alte Definition des Unterschieds von „Zivilisation" und „Kultur", die einst Thomas Mann geliefert hatte, hinter den Erfahrungsstandard zurück, über den wir heute, ausgangs des 20. Jahrhunderts, verfügen. Mann betrachtete Zivilisation und Kultur als „Gegensätze", als „eine der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgesetzes und Widerspieles von Geist und Natur". Daher konnte er nur der Kultur, nicht der Zivilisation zuschreiben, was wir bis heute „Barbarei" zu nennen gewöhnt sind. Kultur sei, schreibt er, „offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei"; vielmehr sei sie „oft genug eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen". Die Zivilisation dagegen ist für ihn noch gleichbedeutend mit „Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizismus, Auflösung, - Geist". (Gedanken im Kriege, S. 7; in: Polit. Schriften und Reden, Bd. 2, Frankfurt/Main 1968).