Posts mit dem Label Melancholie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Melancholie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 20. Januar 2014

WK | Überlegungen zur Struktur der Zeit (1993)

Überlegungen zur Struktur der Zeit in manisch-depressiven Zuständen
von Wolfgang Kaempfer
In: Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose im Spiegel der Zeit, Berlin 1993


Es liegt nahe, zeitliche Parameter einzuführen, wenn zu den Symptomen einer manifesten psychischen Erkrankung – in diesem Fall der endogenen Depression – eine Erfahrung wie der Zeitstillstand gehört. So sah z.B. Binswanger im Zentralbegriff der Husserlschen Phänomenologie, in der Intentionalität, die in das Bewußtsein ja gewissermaßen einen zeitlichen Faktor einführt, das geeignete Instrument, um den widersprüchlichen Formenkreis von Manie und Depression zu beschreiben. Der »intentionale Aufbau der Konstituierung des Ego«, so meinte er, sei gebunden an die Fähigkeit zur retentio (Erinnerung, Gedächtnis), zur protentio (Vorwegnahme) und zur appraesentatio (Vergegenständlichung von Welt und Mitwelt zum Unterschied von bloßer Gegenwärtigkeit[1]). Es sind dieselben klassischen drei Zeit-Dimensionen, die Heidegger zum Konzept einer immanenten Zeitlichkeit/Geschichtlichkeit des »Existierens« führen sollten.
 
Wie wir sehen, würde sich die dergestalt begriffene Zeit prinzipiell auf alle Prozeßformen anwenden lassen müssen. Neu ist allein ihre Einführung in die »Bewußtseinsprozesse«, die seit Augustinus immer wieder mit Erfolg hatte abgewendet werden können. Das neuzeitliche Bewußtsein ist ein schlechterdings räumliches Projekt. Zwar bekannte sich schon Kant zur Zeit als einer »Anschauungsform«, zog aber keine weiterreichenden Schlüsse daraus. Erst die Phänomenologie mit Brentano und Husserl stürzte das »räumliche« Konzept des selbstmächtigen Bewußtseins galileisch-cartesianischer Provenienz um, und seither interessiert man sich für den Einfluß eben jenes Veränderungskoeffizienten, den wir Zeit nennen, auch auf die Prozesse des Bewußtseins.[2]

Jedoch die Zeit ist nicht allein ein meßbarer Veränderungskoeffizient, der die »Geschichte« der Systeme, einschließlich der materiellen Systeme, regelt, sie ist zugleich ein Stabilisierungsfaktor der Systeme, sie durchkreist sie gleichsam, sie bildet regelmäßige, wiederkehrende Zeit-Kreise, und mit diesen Kreisen, Rhythmen, Schwingungen sorgt sie für die Erhaltung der Systeme. Die Struktur der Zeit, oder wie wir besser sagen sollten: das Zeit-Getriebe, setzt sich also je schon aus zwei Bewegungsrichtungen zusammen, deren eine die Systeme verändert, d.h. sie einer Geschichte unterwirft, und deren andere die Systeme, indem sie regelmäßig »wiederkehrt«, stabilisiert, restituiert, erhält. Während die Geschichtszeit nicht wiederkehren kann, muß die Umsatz-, die »Verkehrszeit«, wie ich sie genannt habe, wiederkehren, weil sich anders die Systeme nicht erhalten/selbst erhalten könnten.[3]

Es ist nun ein bemerkenswerter Umstand, daß sich diese doppelte »Intentionalität« (Richtung) der Zeit auf der Ebene menschlicher Erfahrung nirgends so gut beobachten läßt wie an den beiden komplementären Störungen, die uns unter den Namen von Manie und Depression geläufig sind. Der Melancholiker, so erfahren wir – so berichtete z.B. v. Gebsattel –, erlebe einen Zeitstillstand, seine Geschichtszeit sei blockiert, er empfinde sich als leblos, interesselos, intentionslos, »tot«, ja manchmal – so beobachtete z.B. Tellenbach – gehe diese Erfahrung mit manifesten körperlichen Wahrnehmungen oder Sinnestäuschungen einher, mit Ekelgefühlen, mit Geruchssensationen wie Fäulnis- oder Verwesungsgerüchen.[4] Ein beliebiges, wenn auch oft gravierendes Ereignis, ein Unglücksfall, eine Verfehlung, ein Verlust, ein Trauma halte den Kranken wider seinen Willen in der Vergangenheit fest. Sonderbarerweise aber sei dies Ereignis nicht in allen Fällen ausschlaggebend. Wenn es z.B. seine traumatisierende Wirkung verliere, wenn ein Verlust wieder wettgemacht werden könne, komme es vor, daß ein anderes Ereignis an seine Stelle trete – und die depressive Verstimmung mit unverminderter Stärke aufrechterhalte.