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Sonntag, 23. Februar 2014

Kaempfer/Kamper | Zeitsturm (2004)

Wolfgang Kaempfer  /  Dietmar Kamper
ZeitsturmDie mediterranen Zeitgespräche Dietmar Kampers mit Wolfgang Kaempfer
Tectum Verlag, Marburg 2004, 118 Seiten
Herausgegeben von Herbert Neidhöfer & Bernd Ternes

zeitsurm

Erinnerung

Den Titel für die Gespräche, die ich mit Dietmar Kamper im Sommer 1992 führte, habe ich nachträglich formuliert. Er sollte erst heißen Wiederholbarkeit – Unwiederholbarkeit (der Zeit), weil auch diese Gespräche eine „unwiederholbare Wiederholung“, ein Konzentrat der Gespräche zu bilden schienen, die wir in den Sommern zuvor geführt und die zunächst den von Bernd Ternes [weiter unten] erwähnten gemeinsamen Versuch („Die Zeit und die Uhren“) ergeben hatten, uns über die Doppelschlechtigkeit der Zeit, jeder auf seine Weise, schlüssig zu werden. Als dann viele Jahre später das unerwartete, brüske Ende eintrat, das uns alle einzuholen pflegt, der Tod Dietmar Kampers, suchte ich die Gespräche, die er einst dokumentiert hatte, wieder hervor. Wir hatten sie niemals einem Verleger anvertraut, wir hatten sie vergessen. Auch dem Insel Verlag haben sie meines Wissens niemals in einer druckreifen Fassung vorgelegen, - die erst Bernd Ternes angefertigt hat mit bewundernswerter Akribie.

Während ich dies notiere, sitze ich in demselben alten Haus, in dem Dietmar Kamper viele Jahre ein und ausging und in dem er folglich gegenwärtig blieb wie das Kommen und Gehen der Erinnerungen, die ich mit ihm - und die ihn mit mir – verbinden. Außer einem weiteren engeren Freund, einem Weinbauern, der aus dem kleinen Weiler stammt, in dem ich lebe – und den Dietmar gut gekannt und geschätzt hat - ist dies der zweite Tote, der dieses Haus nicht mehr ganz verlässt, der es gespenstisch-freundschaftlich bewohnt, vielleicht weil seine Leere ohne diese Freunde etwas schwerer zu ertragen wäre.

Ich erinnere mich gut an viele Einzelheiten, aber nicht an „das Ganze“ – das freilich ohnehin nur in der Vorstellung, nicht in Wirklichkeit besteht – so zum Beispiel an die sorgfältige Vorbereitung jedes einzelnen Gesprächs und Gesprächsthemas durch Dietmar, denen ich mich daher meist nur zu „überlassen“ brauchte. Kampers „systematische Unermüdlichkeit“, wie ich sie einmal nennen möchte, vertrug sich gut mit meiner mich gelegentlich wie eine Last überfallenden Müdigkeit und Trägheit, zumal die Gespräche im allgemeinen abends, nach einer ausführlichen Mahlzeit, die von Dietmar vorbereitet worden war, stattzufinden pflegten. Ich fühlte mich dann nach einer Weile regelmäßig von ihm „angesteckt“, die starke Ausstrahlung, die ihm eigentümlich war, übertrug sich, und es entwickelte sich die spezifische Abendatmosphäre, die stark mit der Morgenatmosphäre kontrastierte, wenn wir uns zum Frühstück zusammenfanden, das ich vorzubereiten hatte und das manchmal erst gegen Mittag endete, weil die Gespräche dann locker und vertraulich waren, gespickt übrigens häufig mit Erzählungen Dietmars über seine Nachtträume, die manchmal fast buchstäblich die (B)innenwelt seiner Tagesexistenz abzubilden schienen, einen Spiegel der starken und paradoxen Widersprüche bildend, aus denen das Leben besteht, und zumal das seine und das meine.
 
Nichts bedauere ich schmerzlicher, als diese Träume nicht aufgezeichnet zu haben: er hätte es mir sicher erlaubt. Vielleicht lassen sie sich eines Tages in seinem Nachlaß wiederauffinden, sie sind der Aufbewahrung würdig. Ich erinnere mich nicht, je einem Träumer begegnet zu sein, dessen Nachtphantasien eine oft spiegelgenaue Ergänzung zu einem Lebenswerk gebildet hat, das der strapaziösen „Arbeit des Begriffs“ und des Bewusstseins gewidmet war.

Wolfgang Kaempfer, am 27. August 2003